Interviews

„Nach der physischen Verknüpfung der Verkehrssysteme nun die virtuelle“

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Eigentlich wollten wir uns in Frankfurt in der DB-Lounge zum Gespräch treffen. Warum ist der RMV kurzfristig an einen anderen Ort ausgewichen?
Knut Ringat: Wir wollten in diesen Streiktagen nicht unnötig Kapazitäten blockieren, die angesichts des GDL-Streiks dringend für die Fahrgäste benötigt werden.
Haben Sie Verständnis für die wiederholten Streiks? Gerade läuft der längste Erzwingungsstreik bei der DB.
Ringat: Im Prinzip habe ich Verständnis für konkrete Forderungen von Arbeitnehmern. Gute Arbeit muss auch gut entlohnt werden, deswegen geben wir auch Tariftreue in unseren Bestellungen vor. Aber hier: Nein, denn es wird eine politische Grundsatzentscheidung an der falschen Stelle, auf dem Rücken von Fahrgästen und Wirtschaft ausgetragen. Nach den GDL-Machtdemonstrationen der letzten Tage frage ich mich, ob wir in künftigen SPNV-Ausschreibungen noch bei der Tariftreuevorgabe bleiben können.
Was hat das eine mit dem anderen zu tun?
Ringat: Wir müssen im Kunden-Interesse überlegen, ob wir unsere Leistungen so von einem Leistungsgerbringer, hier den bei der GDL organisierten Lokomotivführern, abhängig machen, dass tagelang zwei Drittel der Züge ausfallen. Wenn sogar die Kanzlerin „appelliert“, sollten die Akteure sehr hellhörig werden.
Was kosten die Streiks den RMV?
Ringat: Nun, einerseits verlieren wir – grob geschätzt – etwa 1 Mio. € an Bareinnahmen täglich. Dem stehen gekürzte Bestellerentgelte in der Größenordnung von 700.000 € gegenüber. Die eigentliche Belastung ist aber der Vertrauensverlust der tatsächlichen und potentiellen Kunden. Jeden, der abwandert, müssen wir mühsam wieder vom Umweltverbund überzeugen. Wir könnten 12 % mehr Fahrgäste befördern, das zeigt unsere Nahverkehrsplanung. Aber dieses Potential gewinnen wir nur mit einem funktionierenden Nahverkehrssystem, nicht mit Ausfällen.
In außergewöhnlichen Situationen wie bei diesem Streik muss auch das Informationsmanagement der DB deutlich besser werden. Welchen Beitrag könnten für die Kundeninformation neue Kommunikationtechniken wie Smartphones und Apps leisten?
Ringat: Die Verkehrsverbünde, alle miteinander, haben für die physische Verknüpfung der Verkehrsysteme gesorgt. Nun muss aus dem Blickwinkel der Kunden auch die virtuelle Verknüpfung folgen, um Auskunft-, Tarif- und Kapazitätssysteme zu kombinieren. „Big Data“ im Nahverkehr wird ein Schwerpunktthema beim 2. Deutschen Mobilitätskongress nächste Woche in Frankfurt am Main darstellen. Wir werden das Thema hochrangig aus unterschiedlichen Aspekten beleuchten.
Dass der Fahrgast-Zuwachs ausbleibt, hängt ja wohl vor allem an mangelnder Infrastruktur und einem zu geringen Bestellvolumen, fehlenden S-Bahnen in der Nacht beispielsweise, oder nicht?
Ringat: Vollkommen richtig, und genau diesen Mangel werden wir beim 2. Deutschen Mobilitätskongress und dem angekoppelten Infrastrukturkongress des VDV-Hessen thematisieren. Ohne zustätzliche Mittel und eine verlässliche Finanzierung werden wir das Verkehrswachstum nicht stemmen können. Ein Beispiel: Der Bund hat im Haushalt 2015 RegMittel in derselben Höhe wie 2014 eingestellt. Hessen hat diesen Ansatz übernommen und lässt die Zahlungen an die drei hessischen Verbünde unverändert. Wir müssen aber höhere Trassenentgelte und höhere Faktorkosten über die Bestellerentgelte ausgleichen. Auch für den RMV ist das ohne drastische Maßnahmen nicht leistbar, bis hin zu Abbestellungen. Wenn es zu einer RegMittel-Erhöhung nach dem VMK-Beschluss inklusive „Kieler Schlüssel“ kommt, könnte Hessen dann etwa 90 Mio. € jährlich mehr in den Nahverkehr geben.
Das Land Hessen strebt ab 2016 einen Systemwechsel beim kommunalen Finanzausgleich an. Müsste im Zuge dessen nicht auch die Horizontalverteilung zwischen den hessischen Verbünden dabei angefasst werden?
Ringat: Die Finanzierungsvereinbarung zwischen dem Land und den hessischen Verkehrsverbünden läuft in diesem Jahr an. Vor fünf Jahren haben wir solidarisch einen Teil unserer Mittel an den NVV abgegeben, um die Einführung der Regiotram zu unterstützen. Dadurch ist unser Anteil an der landesinternen Verteilung von 80 % auf zuletzt 76,7 % zurückgegangen. Wir müssen wieder auf das alte Niveau kommen, mindestens, denn in Süd- und Mittelhessen wohnen die meisten Menschen, erfolgt die meiste Wirtschaftsleistung, wird der meiste Verkehr nachgefragt.