Interviews

„Wir müssen mehr über den Tellerrand schauen“

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Rüdiger Sterzenbach ist der Ideengeber und Motor des neuen Fachkongresses „Megatrends im Verkehr“ am 5. Mai in Koblenz. Der Professor für Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre des Personenverkehrs hat die Hochschule Heilbronn im Bereich des Personenverkehrs mit aufgebaut und dort unzählige Führungskräfte ausgebildet. Wie bewährt sich die Liberalisierung der Verkehrsmärkte, wollte der NaNa-Brief von Sterzenbach erfahren. Mit dem „Luftverkehrs“- und „ÖPNV-Papst“ hat sich Chefredakteur Markus Schmidt-Auerbach getroffen – zwischen zwei Terminen im rheinland-pfälzischen Landtag. Denn der Wissenschaftler, früherer führender Sportfunktionär und Landespolitiker bleibt auch nach seiner Emeritierung/Pensionierung in Sachen Verkehr, Daseinsvorsorge und Sport umtriebig.

Professor Sterzenbach, Sie veranstalten den Kongress „Megatrends im Verkehr“ im rheinland-pfälzischen Koblenz, haben dafür aber den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier als Schirmherren gewonnen. Wie haben Sie das angestellt?

Rüdiger Sterzenbach: Hessen versteht sich zu Recht als eine der Verkehrsdrehscheiben in Deutschland und Europa. Der Ministerpräsident weiß um die Bedeutung für die Wirtschaft seines Landes und die vielfältigen Verflechtungen mit dem Leben seiner Bürger. Volker Bouffier setzt auf eine intermodale Vernetzung, und genau diesen Ansatz wollen wir auch in Koblenz untersuchen. Das stößt auf ein Interesse in Branche und Politik, wie sich auch an den Referenten zeigt. Um nur einige zu nennen: Es haben DB-Vorstand Berthold Huber, der Heilbronner Studiendekan für Verkehrsbetriebswirtschaft und Logistik Thomas Bernecker, BMVI-Staatssekretär Norbert Barthle und RMV-Chef Knut Ringat zugesagt. Die Stadt Koblenz ist eine Reverenz an meine Heimat, und die Festung Ehrenbreitstein ein toller Tagungsort.

Beim jüngsten ÖPNV-Innovationskongress bildete Mobilität 4.0 ein wichtiges Themenfeld, ob durch automatisiertes Fahren, ob durch neue Informations- und Vermittlungskanäle. In der großen Podiumsrunde ist viel über Uber diskutiert worden, aber nicht mit Uber. Schmort der Nahverkehr zu stark im eigenen Saft?

Sterzenbach: Der Kongress in Freiburg ist eine hervorragende Veranstaltung. Ich bin bis zu meiner Emeritierung/Pensionierung mit Leib und Seele Professor in Heilbronn gewesen, habe meine Studierenden immer dorthin geschickt. Dass Mobilität 4.0 den Verkehr massiv verändern wird, zeichnet sich ab. Das Taxiwesen z.B. steht durch die neue Technologie vor einer dramatischen Veränderung. Wie genau die ausfallen wird, können wir nicht wissen, Prognosen sind bekanntlich besonders schwierig, da sie die Zukunft betreffen. Aber wir können Szenarien diskutieren, in Gedanken durchspielen, wie wir uns verhalten sollen und/oder können. Ganz klar ist aber, dass die historisch streng geschiedenen Verkehrsarten noch stärker zusammenwachsen werden. Die Kunden steigen doch ganz selbstverständlich um, sie nutzen ihren Pkw, dann den ÖPNV, den Zug, den Flieger, und neuerdings auch den Fernbus. Die Reihenfolge können Sie beliebig umkehren. Wir müssen mehr über den Tellerrand schauen.

Warum sollte sich ein privater oder kommunaler Busbetrieb oder ein SPNV-Aufgabenträger mit, sagen wir mal, dem Geschäftsmodell von Ryanair befassen?

Sterzenbach: Die Grundstrukturen sind vielfach vergleichbar, in der Planung, in der Produktion, im Marketing. Oder beim Netzmanagement! Die Begriffe lauten natürlich gelegentlich anders, die Ausgangsbedingungen sind jedoch vielfach ähnlich. Wir haben vielfach wahlfreie Kunden. Man kann sich überall etwas abschauen. Zwar schlagen die großen Trends auf alle Verkehrsarten durch, aber nicht im selben Maß oder im selben Tempo. Wie begegnen die Kollegen/innen dort der Liberalisierung, wie der Digitalisierung? Wie gehen sie mit Finanzierungsfragen, etwa bei der Infrastruktur, um?

Ryanair bietet Punkt-zu-Punkt-Verkehre an, die Daseinsvorsorge hingegen setzt auf Netze. Dieser andere Ansatz schlägt sich mittlerweile sogar in der Gesetzgebung nieder, im 4. Eisenbahnpaket genauso wie in der Linienbündelung der PBefG-Novelle von 2013. Sind das nicht komplett unterschiedliche Welten?

Sterzenbach: Wer mit dem ICE auf direktem Weg nach Frankfurt reist, um den Flieger nach Mexiko City zu nehmen, wechselt von einem Netz ins andere. Aber aus Kundensicht handelt es sich um zwei Punkt-zu-Punkt-Verkehre, und da ist die Frage ganz entscheidend: Schaffe ich rechtzeitig den Übergang von dem einen in das andere System? Das kann der beteiligten Verkehrsgesellschaft nicht egal sein.

Sie sprechen die Wahlfreiheit der Kunden an. Wie relevant sind Verlagerungseffekte?

Sterzenbach: Enorm. Schauen Sie nur einmal auf die Zuwächse im SPNV infolge der Angebotsoffensive nach der Bahnreform. Oder auf die hohe Zahl von Umbuchungen bei Streiks. Die Verkehrsarten verzahnen sich immer stärker, mit Auswirkungen bis in die Infrastruktur. Gerade hat Ryanair den Betrieb am Frankfurter Flughafen aufgenommen und wird diesen massiv ausbauen. Das ist eine kleine Revolution, die nicht nur die Lufthansa beunruhigt, sondern auch auf Fraport oder die Bahn- und Straßenzubringer zum Flughafen große Auswirkungen haben wird. Wir müssen uns auch als Volkswirtschaft intensiv darum bemühen, das Verkehrswachstum so effizient wie möglich zu managen.

Was meinen Sie mit Effizienz? Die Kosten?

Sterzenbach: Die auch, aber wir brauchen auch mehr Kapazität, mehr Qualität – und wir brauchen auch mehr Nachhaltigkeit. Die Branche muss ein hohes Interesse daran haben, über die Weichenstellung mitzureden. Die große Rolle der Politik ist hierbei nicht zu vergessen. Welche Weichen das sein sollen und können? Da will ich dem Kongress nicht vorgreifen.

Sie stammen aus einer Busunternehmerfamilie. Ihre Familie hat die SZ-Gruppe jedoch 2006 an den Transdev-Konzern verkauft. Welche Rolle geben Sie dem Mittelstand im Verkehr?

Sterzenbach: Unsere Entscheidung zum Verkauf lag einzig darin begründet, dass die nächste Generation für sich andere Zukunftspläne hatte. Aber natürlich hat der Mittelstand weiterhin seinen Platz im Verkehrsgewerbe. „Every business is local!“ Wir haben Beispiele, etwa im ÖPNV, wo Familienunternehmer der Entwicklung mit Kooperationen trotzen oder mit einer gezielten Expansion. In einigen Regionen haben diese Familienunternehmen mit einem großen Gewinn von Marktanteilen im Wettbewerb bestehen können. Oder schauen Sie sich Ryanair und Flixbus an, beide nach wir vor weitestgehend unternehmergeführt, auch wenn sie Drittkapital ins Boot geholt haben. Diese mit mittelständischer Historie geprägten Firmen haben die Branche mit ihrer Flexibilität und ihrer Innovation vorangebracht. Hinter Veränderungen stehen immer Menschen! Mit dem Kongress „Megatrends im Verkehr“ bringen wir Menschen zusammen, die die gewaltigen Herausforderungen in unserer Branche annehmen wollen.

 

Veranstaltungshinweis
Der Fachkongress „Megatrends im Verkehr – Wo geht die Reise hin?“ findet am 5. Mai 2017 in Koblenz (Festung Ehrenbreitstein) statt. Veranstalter: Prof. Dr. Rüdiger Sterzenbach mit den Hochschulen Heilbronn und Worms. Die DVV Media Group (mit dem „NaNa-Brief“, der „NaNa“, dem „Nahverkehr“, „Rail Business“) ist Medienpartner. NaNa-Brief-Chefredakteur Markus Schmidt-Auerbach wird einen Teil des Kongresses moderieren.